symbiose Vertreibung
Rechtsanwalt in Stettin, Polen Rechtsanwalt Czabanski Stettin

Seit langer Zeit gibt es eine Symbiose zwischen Deutschland und Polen.

xxxAls die angrenzenden Mächte den maroden Feudalstaat Polen zerlegten und unter sich aufteilten, ahnte niemand, wie vorteil­haft sich das für Polen und Deutsche auswirken würde.

industrielle revolutionDie Grenze fiel nicht weg, aber sie wurde durch­lässig. Durch die begin­nende Indu­strielle Revo­lution entstand an Rhein und Ruhr starke Nach­frage nach Arbeits­kräften. Wäre der west­liche Teil Polens nicht annek­tiert worden, hätte in Deutschland eine Landflucht einge­setzt, die die Be­völkerungs­struktur nach­teilig verändert hätte. So ström­ten Polen zu Hundert­tausenden über die fast abgeschaffte Grenze in die industriellen Ballungsräume. Das waren Men­schen, die man heute als „Wirt­schafts­flücht­linge“ bezeichnet.

Die Flücht­linge inte­grierten sich rasch. Spä­testens die dritte Gene­ration sprach nicht mehr Polnisch und fühlte sich als Deutsche. Die vielen polnisch klin­genden deutschen Familien­namen zeigen, wie erfolg­reich die Einwan­derer waren.

Martin CzabanskiAuch für Deutsch­land war der Zufluss von verwandtem, aber anders geartetem Gen­material ein Glücks­fall. Die Zuwan­derer unter­schieden sich von der ansässigen Bevölke­rung darin, dass es Men­schen waren, die sich nicht mit tradi­tionellen Beschrän­kungen abfanden, sondern sie als Chance für Verbesse­rungen begriffen. Das explosions­artige Wachstum des Wissens und und der Erfindungs­reichtum im Deutschland des Neun­zehnten Jahrhun­derts ist nur mit der Einwan­derung aus Polen zu erklären.

Die polnischen Feudal­herren waren zu Groß­grund­besitzern geworden, mit weitgehend wert­los gewordenem Grundbesitz. Ihre Vor­fahren hatten ein angeneh­mes Leben auf Kosten der Bauern geführt, die sie wie Skla­ven behandelt hatten. Jetzt boten sie bestes Acker­land zu Schleuder­preisen an.

In Deutschland war als Folge der Industriali­sierung Wohl­stand ent­standen. Die zweiten und dritten Bauern­söhne, die den Hof nicht erben konn­ten, erwarben in Polen Land. Hand­werker und Händler folgten und schufen die Voraus­setzungen dafür, dass in Polen eine leistungs­fähige Industrie ent­stehen konnte. zweiter weltkrieg

Mit den Schüs­sen auf die Wester­platte hörte 1939 die Symbiose zunächst auf.

„Chau­vinismus“ nennt man ein Verhalten, das auf der Über­zeugung beruht, dass die Angehö­rigen der eigenen Gruppe besser und wert­voller sind als die Ange­hörigen aller anderen Grup­pen und dass ihnen Privi­legien zustehen. Das gilt für die spani­schen Conqui­stadoren, die Buren, die italie­nischen Faschisten, die hell­häutigen Amerikaner, die Clique um Kim Jong-un, die SED-Spitzen­funktio­näre im Luxus-Ghetto von Wandlitz und die deutschen Nazis.

Die Nazis trieben es noch weiter. Heute kann man sich nicht vor­stellen, warum durch­aus intelligente Leute ver­suchten, mitten im Krieg einen produk­tiven, flei­ßigen und als Steuer­zahler besonders nützlichen Teil der Bevölkerung, die Juden, auszurotten.JudensternIndustrialisierung Die Juden mussten einen „Juden­stern“ tragen, die polnischen Zwangs­arbeiter tru­gen ein P in einem Qua­drat. Des­halb durften sie kein Schwimmbad betreten und auf keiner Park­bank sitzen. In den Bäcke­reien hing ein Schild „An Juden und Po­len wird Ku­chen nicht abgegeben“.

Die Erbit­terung, die sich 1944 im War­schauer Auf­stand und ein Jahr später in der Vertrei­bung der Deut­schen entlud, ist verständ­lich. Die Führung der Polni­schen Heimat­armee in London hatte ver­säumt, sich vorher zu verge­wissern, ob die Rote Armee oder die amerikanische Bomberflotte zur Hilfe kommen würden. Die amerika­nische Luft­waffe erfuhr vom Auf­stand zu spät, und die Rote Armee blieb stehen und überließ die Polen der Rache der Nazis. In Lublin hatten näm­lich die Sowjets aus kommu­nistischen Exil­politikern eine „Regierung“ eta­bliert, der sie die Macht im Lande zuge­dacht hatten.

Martin Czabanski Ausge­rechnet, als jede Hand für den Wieder­aufbau ge­braucht wurde, verzichte man in Polen auf die Arbeits­kraft der deutsch­spra­chigen Minder­heit. Die Ver­treibung der Deutschen lag im Interesse der Stali­nisten. Die Vertrie­benen soll­ten die von den Ameri­kanern und Briten besetzten Teile Deutsch­lands destabi­lisieren, Elend erzeu­gen und so den Boden für die Über­nahme ganz Deutschlands vorbereiten.

Das war ein Fehlspe­kulation. Kaum in der briti­schen oder amerika­nischen Besatzungs­zone angekommen, taten sie, was ihre Vor­fahren getan hatten: Sie packten zu und spielten eine maß­gebende Rolle beim Wieder­aufbau.

Die Mehrheit war­tete die Rache der Polen nicht ab. Im No­vember 1944 begann ein end­loser Flücht­lings­strom nach Westen. Der Marshall­plan in Ver­bindung mit dem un­erwar­teten Ge­schenk der Polen an die Deut­schen schufen die Voraus­setzung für die Po­sition Deutsch­lands als Führungs­macht in der EU.

Die Ver­lust eines wirtschaft­lich aktiven Teils der Bevöl­kerung hat Polen schwer geschädigt. Diese Gruppe konnte zu­nächst nicht ersetzt werden. In den 6 Jah­ren der deut­schen Besat­zung hatte es nur vierklassige Volks­schulen und keine hö­heren Schu­len gegeben. Die intellek­tuelle Elite war von den Sowjets in Katyn ermor­det worden. Die Na­zis hat­ten modern­ste Industrie­betriebe in das als sicher gel­tende Gebiet öst­lich der Oder verlagert. Viele der zur Zwangs­arbeit nach Deutsch­land verschlepp­ten Polen lehn­ten es ab, in ihre von der UdSSR beherrschte Heimat zurück­zukehren. Als die Deut­schen ver­schwanden, verk­amen die Industrie­betriebe.

Die Symbiose begann wieder neu, als die Soli­darność, geführt von Lech Wałęsa, bewies, dass die spät­stali­nistische Dik­tatur nicht unbe­siegbar war. xxxDer Knie­fall des cleveren Willi Brandt, der in Nor­wegen Mit­glied Nachkriegszeitder Wider­standsbe­wegung gewesen war und gewiss nicht um Verge­bung zu bitten hatte, öffnete die Tür. Ohne die Umwäl­zungen in Po­len hätte die deut­sche Wieder­vereinigung - wenn überhaupt - nicht 1990 stattgefunden, und wir hät­ten heute nicht die EU.

Es ist müßig, zu fragen, ob die Deut­schen oder die Polen mehr von der EU profi­tieren. Das fragt man nicht bei einer Sym­biose. Man fragt auch nicht, ob die Bienen oder die Blüten­pflanzen grö­ßere Vor­teile ge­nießen und ob es gerecht zugeht.

Auch wenn die Deut­schen in Po­len nicht sehr beliebt sind und deut­sche Vertriebe­nenfunk­tionäre am liebsten die Vertrei­bung rück­gängig machen würden - es gibt eine Sym­biose, und das wird auch so bleiben.

Martin CzabanskiDie Bie­nen lieben die Blu­men nicht. Es genügt, dass sie den Nek­tar als Nahrung verwenden. Gewissen­los, wie Bienen­völker nun einmal sind, miss­brauchen sie einen großen Teil des Blüten­staubs als Bau­material, statt ihn bestimmungs­gemäß zu verwenden. Die Blüten­pflanzen haben sich angepasst. Sie produ­zieren mehr Blüten­staub als benö­tigt wird.

Als die Ein­wande­rung aus Polen be­gann, gab es noch keine Poli­tiker, deren Macht auf der Fähig­keit beruht, Volks­massen zu fana­tisieren. Hät­te es damals eine Pegida gegeben, hätte das Militär die Unruhen schnell beendet.

xxx Die Flücht­linge, die heute nach Europa kommen, unter­scheiden sich von der ansäss­igen Bevölke­rung durch ihre hohe Risiko­bereit­schaft, die Fähig­keit, widrige Lebens­bedin­gungen zu er­tragen und die Stär­ke ihres Willens. Wie vorteil­haft sich die Zuwan­derungs­wellen der letzten beiden Jahr­hunderte für Deutschland ausge­wirkt haben, ist bekannt. Die neue Zu­wanderungs­welle sichert die deutsche Vormacht­stellung in Europa für weitere hundert Jahre.



zurück